Vorstellung der Esskastaniengilde

Schilder für den Waldgarten

von Antonia Straub, Freddy Gottschlich, Lara Nünning, Maya Teichert, Moritz Frank, Thea Joos

Auch diesen Sommer wird auf der Leuphana Waldgarten-Fläche ein Projekt von Studierenden umgesetzt. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Waldgarten Reallabor: Nachhaltige und multifunktionale Flächennutzung im urbanen Raum” unter Leitung von Dr. Agnes Friedel hat eine Gruppe von Studierenden Schilder für eine der Gilden auf der Fläche, der Esskastanien-Gilde, erstellt. Im Folgenden sind ausführlichere Pflanzenbeschreibungen und eine Beschreibung der Gilde als Ganzes zu finden.

Die Esskastanien-Gilde stellt sich vor 

Hallo, ich bin die Esskastanien-Gilde. Ich befinde mich mitten auf dem Campus der Leuphana Universität Lüneburg in einem kleinen aber feinen Waldgarten.

Ein Waldgarten ist ein bewirtschaftetes Ökosystem nach dem Vorbild natürlicher Wälder, das in mehreren Schichten, von hohen Baumkronen über Sträucher und Kräuter bis hin zu Bodendeckern, essbare und nützliche Pflanzen vereint. Unser Campus Waldgarten ist vor allem dafür da, das System kennenzulernen und sich selbst auszuprobieren. Er besteht aus fünf „Gilden” und wird vom Essbaren Campus sowie vom Seminar Waldgarten: Reallabor mit betreut. Der Begriff Gilde stammt aus der modernen Permakultur und beschreibt kleinere Designs, wobei sich gegenseitig unterstützende Pflanzen um einen zentralen Baum herum angelegt sind. Diese Pflanzen erfüllen bestimmte Funktionen, die gut zusammenwirken und einander unterstützen, wodurch ein stabiles, vielfältiges System entsteht.

 Ein gutes Beispiel ist die Esskastanien-Gilde, die im Dezember 2021 ihre Wurzeln im Leuphana Waldgarten geschlagen hat. Hier ist die Esskastanie der zentrale Kronenbaum, um die sich die Pflanzengemeinschaft gruppiert: Beerensträucher liefern Nahrung, tiefwurzelnde Pflanzen wie Beinwell holen Nährstoffe aus dem Untergrund, und Kräuter wie Ringelblume oder Kapuzinerkresse schützen die Gilde auf natürliche Weise vor Schädlingen. Jede Pflanze übernimmt so eine eigene wichtige Rolle im Ökosystem der Gilde. Falls du darüber mehr wissen willst, gibt es sogar einen kleinen Audioguide zu der Gilde, den du dir hier gerne anhören kannst. 

Der Waldgarten auf dem Campus ist kein abgeschlossenes Forschungsprojekt, sondern ein lebendiger Ort, der von Studierenden für Studierende gestaltet und belebt wird. Wie überall in der Natur ist es ein dynamisches System, das nicht perfekt geplant und sortiert werden kann. Daher kann es sein, dass Pflanzen auch mal nicht oder an anderen Stellen vorhanden sind. Mit etwas Suchen kannst du hier aber eine Menge Pflanzen entdecken und auch probieren, denn die meisten Pflanzen im Waldgarten sind essbar! Also begib dich auf eine Entdeckungstour und erfahre hier mehr über die Pflanzen der Esskastanien-Gilde:

Die Pflanzen der Esskastanien-Gilde

Apfelbeere · Aronia mitschurinii ‘Viking’

Familie: Rosengewächse · Höhe: bis 2 m · Blüte: April–Mai

Ursprünglich aus Nordamerika, bereichert die Apfelbeere als eingebürgerter Neophyt die heimische Biodiversität. Ihre hohe Flavonoid-Konzentration macht sie widerstandsfähig gegen UV-Strahlen und Schädlinge. Früh blühend zieht sie viele Bestäuber an und im Winter sind ihre Beeren sind eine wichtige Vogelnahrung.

Essbar: Beeren August–Oktober · süß-säuerlich-herb · antioxidativ · nach Erhitzen regelmäßig konsumierbar


Beinwell · Symphytum officinale

Familie: Raublattgewächse · Höhe: 30–100 cm · Blüte: Mai–September

Symphytum bedeutet auf Griechisch „zusammenwachsen”, denn der Beinwell wird schon seit der Antike bei Knochenbrüchen eingesetzt. Im Waldgarten ist der Beinwell die wichtigste Nährstoffpumpe der Gilde: Seine tiefen Wurzeln holen Kalium aus dem Untergrund. Die abgeschnittenen Blätter werden einfach liegenlassen und dienen als Dünger für alle Nachbarpflanzen.

Hinweis: Leicht giftig – innerlich nur in Maßen · äußerlich als Salbe bei Prellungen bewährt


Bronzefenchel · Foeniculum vulgare

Familie: Doldenblütler · Höhe: bis 2 m · Blüte: Juni–September

Schon im ägyptischen Papyrus Ebers (1550 v. Chr.) als Heilmittel erwähnt. Seine großen gelben Dolden locken Schwebfliegen an, deren Larven fressen Blattläuse und schützen so die gesamte Gilde. Er sät sich selbst aus und kommt jedes Jahr wieder. Zusätzlich ist er eine wichtige Wirtspflanze für die Raupen des Schwalbenschwanz-Schmetterlings.

Essbar: Blätter & Blüten als Gewürz · Samen als Tee bei Verdauungsproblemen


Echte Pfefferminze · Mentha x piperita

Familie: Lippenblütler · Höhe: 25–100 cm · Blüte: Juni–September

Die Pfefferminze ist eine Kulturpflanze und eine natürliche Hybride, entstanden durch zufällige Kreuzung von Wasserminze und der Grünen Minze im Garten. Ihr intensiver Duft hält Blattläuse und Ameisen von Nachbarpflanzen fern. Sie verbreitet sich stark über Ausläufer, da sie selbst keine Samen ansetzt. 

Essbar: Mai–September · Tee, Küche, Kosmetik · ganze Pflanze aromatisch nutzbar


Echter Thymian · Thymus vulgaris

Familie: Lippenblütler · Höhe: 10–40 cm · Blüte: Juni–Oktober

Sein Beiname „Immekraut” (Imme = Biene) verrät seine enge Verbindung zur Bienenwelt: Früher wurde Thymian häufig genutzt, um Bienenstöcke auszuräuchern und soll sogar gegen die Pest eingesetzt worden sein. Es gibt ca. 210 Thymian-Arten weltweit. Seine ätherischen Öle schützen Nachbarpflanzen vor Schädlingen.

Essbar: Mai–Oktober · unverzichtbar in der mediterranen Küche · Tee bei Husten und Erkältungen


Esskastanie · Castanea sativa

Familie: Buchengewächse · Höhe: bis 35 m · Blüte: Mai–Juli

Das Herzstück der Gilde. Die Esskastanie wurde zum Baum des Jahres 2018 gewählt, da ihr eine besondere Rolle im Klimawandel zugesprochen wird. Sie kann bis zu 500–600 Jahre alt werden. Auch Karl der Große erkannte ihr Potenzial und ließ sie im großen Maßstab anpflanzen. Ihre späte Blüte ist eine wichtige Bienenweide. Alte Bäume bieten mit ihren Höhlen Lebensraum für Spechte, Fledermäuse und Siebenschläfer. Sie braucht Licht und Wärme, deswegen steht sie an den sonnigsten Punkten im Waldgarten. Obwohl sie ursprünglich in Mitteleuropa nicht heimisch ist, integriert sie sich gut in die Ökosysteme. Zusätzlich wurde eine zweite Esskastanie gepflanzt, damit sie sich gegenseitig bestäuben können.

Essbar: Maronen ab Oktober · fallen von selbst zu Boden · müssen gekocht oder geröstet werden


Frauenmantel · Alchemilla vulgaris

Familie: Rosengewächse · Höhe: 15–45 cm · Blüte: Mai–August

Alchemistinnen sammelten früher die Wassertropfen auf seinen Blättern weil sie glaubten, dieses Wasser besitze magische Kräfte. Die Tropfen sind übrigens kein Tau, sondern Guttationstropfen: aktiv von der Pflanze ausgeschiedenes Wasser. Als dichter Bodenteppich hält der Frauenmantel die Feuchtigkeit unter den Sträuchern und schützt vor Erosion.

Heilpflanzlich: Bekannt bei Menstruationsbeschwerden · entzündungshemmend


Knollenziest · Stachys affinis

Familie: Lippenblütler · Höhe: 50–80 cm · Blüte: Juli–August

In China seit Jahrhunderten als Gemüse geschätzt, aber leider in Europa fast vergessen. Der Knollenziest breitet sich unterirdisch aus und schließt freie Bodenstellen in der Gilde. Eine tolle Entdeckung für alle, die gerne neue essbare Pflanzen kennenlernen. 

Essbar: Weiße, knubbelige Wurzelknollen ab Herbst · Geschmack ähnlich Artischocke oder Blumenkohl · roh oder gekocht


Lungenkraut · Pulmonaria officinalis

Familie: Raublattgewächse · Höhe: 20–30 cm · Blüte: März–Mai

Pulmo bedeutet auf Lateinisch Lunge, und spielt auf die gefleckten Blätter an, die ans Lungengewebe erinnern. Das Lungenkraut ist die erste blühende  Pflanze der Gilde und versorgt Hummelköniginnen nach dem Winter mit dem ersten Nektar. Als dauerhafter Bodendecker im Tiefschatten hält sie die Erde feucht und ist schneckenresistent.

Essbar: Junge Blätter in Wildkräutersalaten und Suppen · ältere Blätter wie Spinat zubereiten


Meerkohl · Crambe maritima

Familie: Kreuzblütler · Höhe: bis 75 cm · Blüte: Juni–Juli (weiß, honigduftend)

In Deutschland ist der Meerkohl eigentlich an Nord- und Ostseeküste heimisch und kann daher gut mit stark salzhaltigem Boden umgehen. Seefahrer nahmen ihn eingelegt mit auf See als Schutz vor Skorbut. 37 Wildbienenarten profitieren von seinen Blüten, und seine tiefe Pfahlwurzel holt Mineralien aus dem Untergrund.

Essbar (fast alles!): Stängel wie Spargel · Blätter wie Kohl · Blütenköpfe wie Brokkoli · offene Blüten als Delikatesse


Ringelblume · Calendula officinalis

Familie: Korbblütler · Höhe: 30–50 cm · Blüte: Juni–Oktober

Calendula leitet sich vom lateinischen Wort für den ersten Tag des Monats ab und verweist auf ihre endlos scheinende  Blütezeit. Eine alte Bauernregel sagt: Öffnen sich die Blüten bis 7 Uhr morgens, wird es ein sonniger Tag. Ihre Wurzelausscheidungen hemmen bodenschädigende Fadenwürmer und schützen so die Wurzeln der Nachbarpflanzen.

Essbar: Blütenblätter im Salat · leicht bitter-würzig · Heilpflanze bei Wundheilung und Hautentzündungen


Rote Johannisbeere · Ribes rubrum

Familie: Stachelbeergewächse · Höhe: 100–150 cm · Blüte: April–Mai

Benannt nach dem Johannistag (24. Juni), der Tag an dem die ersten Früchte reifen. Die Rote Johannisbeere ist eine natürliche Waldrandpflanze und fühlt sich im Halbschatten der Kastanie wohl. Ihre frühe Blüte versorgt Hummeln mit Nektar, wenn sonst noch wenig blüht. 

Essbar: Beeren Juli–August · säuerlich-frisch · roh, als Saft, Gelee oder Marmelade


Schwarze Johannisbeere · Ribes nigrum

Familie: Stachelbeergewächse · Höhe: 80–150 cm · Blüte: April–Mai

Die schwarze Johannisbeere ist die aromatischste der drei Johannisbeeren. Sie hat intensiv duftende Blüten und Blätter mit einem hoher Vitamin-C-Gehalt. Ihre Früchte wachsen allerdings nur an einjährigen Trieben, daher ist es wichtig sie regelmäßig zurück zu schneiden. 

Essbar: Beeren Juli–August · aromatisch-herb · als Saft, Marmelade oder Likör


Schwarzer Holunder · Sambucus nigra

Familie: Moschuskrautgewächse · Höhe: 3–7 m · Blüte: Juni–Juli

Sein Name geht auf sambuke zurück, ein antikes Saiteninstrument aus Holunderholz. Als schnellwüchsiger Pionier gibt der Holunder der Gilde als erster Struktur und Schutz. Seine cremeweißen Doldenblüten locken viele Insekten an, und was von den Beeren nicht geerntet wird, bleibt als Vogelnahrung im Garten. Der Holunder wurde früher mit besonderem Respekt behandelt und geschätzt. Viele Bauern hatten einen Holunder auf dem Hof und wenn man ihn fällte, brauchte das Unglück.

Essbar: Blüten (Sirup, Fritter) · Beeren als Saft oder Marmelade ab September →  Beeren sind roh giftig also nur gekocht verzerren!


Weiße Johannisbeere · Ribes rubrum (alba)

Familie: Stachelbeergewächse · Höhe: 100–150 cm · Blüte: April–Mai

Die Weiße Johannisbeere ist die mildeste und schattenverträglichste der drei Sorten. Sie ist ein Albino der Roten, dem schlicht der Farbstoff fehlt. Sie besetzt die dunkelsten Ecken unter der Kastanie und ergänzt ihre Geschwister zeitlich und geschmacklich.

Essbar: Beeren Juli–August · mild und wenig sauer · roh besonders gut zum Naschen direkt vom Strauch


Wilde Erdbeere · Fragaria vesca

Familie: Rosengewächse · Höhe: 10–30 cm · Blüte: Mai–Juni

Sie ist die Vorläuferin aller Kulturerdbeeren und wird seit der Steinzeit vom Menschen gesammelt. 45 Wildbienenarten und 21 Schmetterlingsarten profitieren von ihr. Über oberirdische Ausläufer breitet sie sich aus und schließt lückenlos freie Bodenstellen unter den Sträuchern.

Essbar: Früchte Mai–Herbst · intensiv aromatisch, viel würziger als Kulturerdbeere


Mach mit!

Die Fläche auf dem Leuphana Campus ist ein Probierfeld, für Menschen und Pflanzenwesen. Also kommt vorbei, lasst euch inspirieren, entdeckt neue und altbekannte Pflanzenfreunde und genießt die kleine grüne Oase im Unitrubel. 

Falls du selber aktiv mitwirken magst melde dich gerne bei der Initiative Essbarer Campus. 

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Verwendete Literatur